Was kommt nach Web-Meetings, digitalen White Boards und Co.?

Was kommt nach Online-Meetings, digitalen White Boards und Co.?

Die Digitalisierung in deutschen Unternehmen war bisher hauptsächlich für ihren Dornröschen-Schlaf bekannt. Hat die aktuelle Krise sie nun endlich wachgeküsst? Plötzlich steigen die Nutzerzahlen von Video- und Kollaborationstools sprunghaft an, um Remote-Arbeit bestmöglich zu gewährleisten. Im Zuge dieser Akzeptanzwelle hinsichtlich neuer Technologien lohnt ein Blick auf eine ganz besondere Mensch-Maschine-Interaktion, den Telepräsenzroboter.

Sophie Stephan • 06.08.2020

Im Silicon Valley beschäftigt man sich schon seit Jahrzehnten mit digitaler Zusammenarbeit und softwaregestützten Prozessen. Hier liegen Telepräsenzroboter aktuell hoch im Kurs. Scott Hassan und Bo Preising entwickelten diese Technologie 2011 in Palo Alto. Es handelt sich um ferngesteuerte Maschinen, die eine live Videoübertragung zeigen und selbst mit Webcam und Mikrofon ausgestattet sind. Ein Bildschirm auf Rädern also. Diese Roboter machen ihre Umgebung wahrnehmbar, können sich ebenerdig frei bewegen und stellen sich auf jede Augenhöhe ein - quasi eine Art Drohne am Arbeitsplatz ergänzt um die selbstständige Interaktion.

Führung aus der Ferne gelingt mit Telepräsenzrobotern häufig besser als per Video Call

Das kann sehr nützlich sein, wenn man gerade am anderen Ende der Welt ist und trotzdem wichtige Termine vor Ort wahrnehmen oder einfach nur seiner Führungsverantwortung nachkommen will. Somit hat man die Chance, schnelles Feedback zu geben, Fehler früh zu erkennen, gemeinsame Ziele zu entwickeln sowie generell mehr Vertrauen und Nähe zu den Mitarbeitenden zu schaffen, auch wenn es die Gegebenheiten eigentlich nicht zulassen.

Aber schafft die Anwesenheit eines Roboter-Mensch Hybrids tatsächlich persönliche Nähe? Hierzu forscht das Team der „LeadershipGarage“ an der Universität Lüneburg gemeinsam mit der Stanford University. Digitale Kommunikation birgt immer die Gefahr von Fehlinterpretationen, da es an Wahrnehmbarkeit von Körpersprache und anderer nonverbaler Kommunikation fehlt. Deshalb dauern bestimmte zwischenmenschliche Prozesse deutlich länger als bei der face-to-face Interaktion.

Technik, Menschen und Kultur müssen für die erfolgreiche Nutzung einige Kriterien erfüllen

Der erfolgreiche Einsatz von Telepräsenzrobotern hängt von einigen wesentlichen Faktoren ab. Führungskräfte müssen sich die Frage stellen: Gelingt es ihnen, ausreichend Vertrauen zu den Mitarbeitenden aufzubauen und gleichzeitig eine klare Orientierung durch ausreichende relevante Informationen zu geben? Dazu bedarf es bestimmter Skills, wie Storytelling oder eine gewisse Sensibilität für eventuell fehlinterpretierbare Aussagen. In unserem Beitrag „So wird virtual Leadership zum Erfolg“ gehen wir näher auf das Thema Führung aus der Ferne und die dafür notwendigen Kompetenzen ein.

Erfolgskritische Anforderungen sind jedoch auch seitens der Geräte zu erfüllen. Nur wenn deren Funktionalität, Nützlichkeit und Benutzerfreundlichkeit klar erkennbar ist, kann die Anwendung solcher Roboter positive Effekte mit sich bringen.

Eine weitere wichtige Herausforderung stellen Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und ein hoher digitaler Reifegrad der Mitarbeitenden dar. Dieser dürfte aus gegebenem Anlass über alle Branchen hinweg einen gewissen Aufschwung erlebt haben. Deshalb lohnt es sich gerade jetzt, die Weichen für eine Innovationskultur zu stellen. Agile Technologien wie Telepräsenzroboter können durch weniger Flüge die Co2-Emissionen eines Unternehmens senken und viel Zeit sparen, die man beispielsweise mit Freunden und Familie oder wichtigen Projekten verbringen kann. Um von diesen Benefits zu profitieren, ist eine erfolgreiche digitale Transformation von größter Bedeutung. Prof. Sabine Remdisch von der LeadershipGarage hat fünf Schalter identifiziert, die dafür maßgeblich sind.

Vom Zwang hin zum Wohlbefinden am Arbeitsplatz

Hand in Hand mit der Roboternutzung gehen flexible Arbeitszeiten, Standorte und Bürolösungen einher. Was hier die Voraussetzung und was das Ergebnis ist, lässt sich kaum unterscheiden.

Von Hierarchien zum Netzwerk in der Zusammenarbeit

Informationsdemokratisierung findet schon lange als unaufhaltsamer Prozess um uns herum, in unserer Gesellschaft, statt. Geteiltes Wissen bedeutet geteilte Verantwortung. Sich selbst führende Teams können schnelle, effiziente Problemlösungen generieren.

Von Kontrolle zu Empowerment

Demokratische Entscheidungen sorgen für mehr Commitment und Eigeninitiative bei den Mitarbeitenden. Selbstständiges Arbeiten wird gefördert und durch konstruktives Feedback in die richtige Richtung gelenkt.

Vom Ich- zum Wir-Gefühl

Teamgeist ist ein wichtiger Treiber für einen tiefgreifenden Wandel. Verbundenheitsgefühl entsteht durch eine gemeinsame Mission. Teams oder Netzwerke werden dabei von Führungskräften gecoacht und beraten.

Vom Planen zu Design Thinking

Eine offene Fehlerkultur, Transparenz und die Integration kreativer Techniken in den Arbeitsalltag machen Innovation und Digitalisierung möglich.

Ein Blick in die Zukunft verspricht noch mehr Synergiepotentiale bei HR und Technik

Der digitale Reifegrad bereitet uns auf alle zukünftigen technischen Entwicklungen vor, die unsere Arbeitsweisen und Unternehmenskulturen noch weiter verändern werden. Weitere Technologien, die uns agiler und effizienter arbeiten lassen, sind bereits auf dem Weg. Mit Telepräsenzrobotern kann man Barrieren von Raum und Zeit umgehen, mit Augmented Reality Brillen das Onboarding tiefgehend und zeitsparend gestalten. „Emotion AI“ wird im Recruiting von großer Bedeutung sein, um Persönlichkeiten von Kandidaten besser zu erfassen und „Voice of the Employee“ wird als Umfrage- und Analysesoftware ganz neue Möglichkeiten für die Mitarbeiterbindung eröffnen.

“Let’s get ready” für den sinnvollen Umgang mit all den technischen Neuheiten, die auf uns warten.

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